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Digitalisierung in Europa: So weit sind wir

Lesezeit: 5 min

Wenn ein Softwarepaket in verschiedenen Ländern eingesetzt wird, bietet dies Generalunternehmen viele Chancen im internationalen Rahmen. Im Folgenden erläutern wir den Status der Digitalisierung in den drei Ländern, in denen wir aktiv sind; anschließend werfen wir einen Blick auf den Rest Europas.

Deutschland

„Digitalisierung“ hat sich in den vergangenen Jahren zum Lieblingsbegriff deutscher Politiker entwickelt. In vielen Amtsstuben und Behörden sind aber noch immer Faxgeräte im Einsatz. „Das ist ein enormer Unterschied zu den Niederlanden“, berichtet Korrespondent Derk Marseille dem Radiosender BNR. In Deutschland kommt die Digitalisierung nicht voran, weil das Faxgerät noch Bestandteil der offiziellen Kommunikation ist. „Das ist das Mindset bei den Beamten. Während des ersten Corona-Shutdowns zeigte sich, dass sie nicht im Homeoffice arbeiten können. 90 % der Beamten musste mit USB-Sticks hantieren. Zu Hause arbeitete man dann auf dem eigenen Computer weiter. Das ist sehr unsicher, denn man weiß nie, was zwischen Büro und Wohnung mit den Daten passieren kann.

Aus Untersuchungen ging außerdem hervor, dass neun von zehn deutschen Behörden keine klare digitale Strategie verfolgen. Für drei Viertel der Befragten hat die Digitalisierung allerdings schon höchste Priorität. Warum die Digitalisierung in Deutschland so langsam voranschreitet? Weil der Arbeitsmarkt stark überaltert ist. Junge Arbeitnehmer bringen frische Ideen mit. Deutschland ist 2020 nicht einmal mehr in den Top 10 der am schnellsten digitalisierenden Länder verzeichnet, obwohl die Bundesrepublik 2019 noch den sechsten Platz belegte. Die meisten Unternehmen in Deutschland sind sich der erheblichen Effizienzmängel in ihrer eigenen Organisation bewusst: die Hälfte von ihnen vertraut auf mehr Automatisierung und bessere Produktqualität, um diese Lücken zu schließen. Darüber hinaus konzentrieren sich sechs von zehn Unternehmen auf diejenigen Digitalisierungsprojekte, die die besten Aussichten auf schnelle Gewinne haben, sowie auf die Automatisierung von Prozessen. 

Die deutsche Baubranche war jahrzehntelang mit analogen Techniken ausgesprochen erfolgreich. Dadurch fällt es vielen Unternehmen dieses Wirtschaftszweigs schwer, sich von den bewährten Prozessen und vertrauten Arbeitsmethoden zu verabschieden. Das zeigt sich ganz klar am Stand der Digitalisierung in der deutschen Bauwirtschaft. Die Unternehmen machen nur geringe Fortschritte bei der digitalen Transformation und sind zurückhaltend in der Nutzung digitaler Chancen. Viele arbeiten beispielsweise noch immer mit klassischen 2D-Modellen statt mit moderneren 3D-Technologie. Digitale Planungssoftware kommt in den Unternehmen nur selten zum Einsatz.

Das überrascht, weil gezielte Digitalisierung rund 30 % der Planungskapazität einsparen kann. Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Risiken im Bauprozess schon in einem frühen Stadium zu erkennen und zu beseitigen. Dadurch lassen sich Bauvorhaben weitaus effizienter realisieren. Trotz dieses enormen Potenzials schreitet die Digitalisierung des Bauprozesses im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen nur langsam voran, oder stagniert sogar.

Niederlande

Eines von drei niederländischen Unternehmen (32 %) teilt mit, die Betriebsführung in hohem Maße oder sogar fast vollständig digitalisiert zu haben. 36 % sind nicht oder nur geringfügig digitalisiert. Kleine Betriebe sind im Vergleich zu größeren Unternehmen weniger weit.

Die Bauunternehmer in den Sektoren Wohn- und Nichtwohngebäude sowie Ingenieurbau machen mehr von Softwarepaketen Gebrauch als Kleinbetriebe. Sie setzen für verschiedene Arbeitsprozesse unterschiedliche Softwarepakete ein, beispielsweise für die Finanzbuchhaltung, Rechnungsstellung und Kalkulation.

In den Niederlanden ist die Gebäudedatenmodellierung (BIM) stark im Kommen. Die meisten Unternehmen arbeiten schon seit mehr als fünf Jahren mit BIM, allerdings in der Regel nur auf dem niedrigsten Niveau (3D-Modelling). Weniger als zehn Prozent setzen BIM Auch zur Planung, Kalkulation und Verwaltung ein. Die Verbesserung der Kommunikation mit den anderen Akteuren der Lieferkette ist der wichtigste Grund, BIM zu nutzen. Die meisten Bauunternehmer arbeiten bereits mit modernen Methoden und Techniken wie BIM, Lean-Planung, 3D-Modelling und Telekonferenzen. Dennoch wird bei 98 % auch noch viel Papier verwendet, vor allem in Form großformatiger Zeichnungen. BIM reicht also nicht bis an die operativen Arbeitsplätze heran. Die Befragten erwarten aber, dass dieser Anteil in den kommenden Jahren auf 82 % zurückgehen wird.

Dem „Report on Digitalisation“ von EIB zufolge sind die Niederlande eines der Länder, die in puncto Digitalisierung die besten Leistungen erbringen. Der Grad der Akzeptanz individueller Technologien liegt über dem europäischen und amerikanischen Durchschnitt.

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Belgien

„Belgien gehört nicht gerade zu den Pionieren Europas“, berichtet Véronique Vanderbruggen, PR-Chefin beim belgischen Branchenverband Confederatie Bouw. „Die Nachbarländer haben schon viele Innovationen eingeführt, die in Belgien noch in den Kinderschuhen stecken- etwa Drohnen, 3D-Druck und BIM. Die digitale Transformation gewinnt aber an Terrain. Vielleicht gehört Belgien ja schon bald zu den Pionieren? Dem Bauwesen möchte ich mitgeben: Achten Sie gut auf die Innovationen, die sich Ihnen bieten, und integrieren Sie sie diese schnellstmöglich in Ihr Unternehmen. Sie haben einen enormen Mehrwert! Die Baubranche entwickelt sich in rasanter Geschwindigkeit zu einem Hightech-Sektor.“

Die großen belgischen Unternehmen arbeiten natürlich schon seit Jahren an der Digitalisierung, aber auch kleinere Betriebe ziehen mit. Betriebe, die für die öffentliche Verwaltung arbeiten wollen, müssen vom „E-Schalter“, E-Ausschreibungen und elektronischer Rechnungsstellung Gebrauch machen. Die Digitalisierung ist unverzichtbar für Bauunternehmer, die ihre Dienstleistungen professionalisieren wollen, und darauf müssen sie sich vorbereiten. In Belgien zeigen Schulungen, gezielte Informationsveranstaltungen und Veröffentlichungen anhand konkreter Beispiele auf, was Technologie für sie bedeuten kann.

Um den Widerstand gegen die Digitalisierung in Belgien aufzuheben, ist es vor allem wichtig, möglichst viel darüber zu sprechen, vorzugsweise im informellen Rahmen. Sobald sich die Arbeitnehmer der Vorteile der Digitalisierung bewusst werden, vergrößert sich auch die Akzeptanz. Ältere Kollegen, die sich überzeugen ließen, erweisen sich letztlich als die größten Verfechter der Digitalisierung, wie der belgische Branchenverband Confederatie Bouw festgestellt hat. Die Technologie ist in raschem Wandel begriffen. Große Unternehmen müssen darum nach Standards suchen und entscheiden, welche Formen der Digitalisierung sie einsetzen wollen oder nicht. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) können ihre Prozesse mit „leichteren“ Verfahren optimieren.

Frankreich

Der Anteil der digitalen Nutzer in Frankreich liegt in allen Branchen unter dem EU- und USA-Durchschnitt. Der Grad der Akzeptanz separater Technologien ist beim 3D-Druck und der Robotik jedoch überdurchschnittlich hoch. Die Hauptgründe, die französische Bauexperten für den Rückstand bei der Digitalisierung anführen, sind Arbeitskräftemangel und die Arbeitsmarktvorschriften. 

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In Frankreich ist die Anwendung von BIM nicht verpflichtend vorgeschrieben. Es gibt auch keine gesetzlichen Bestimmungen dazu. Die Anwendung wird jedoch von der Regierung dringend empfohlen, insbesondere bei großen öffentlichen Aufträgen. So wurde 2017 ein BIM-Stufenplan für die Standardisierung mit dem Ziel veröffentlicht, in Europa eine führende Position bei der Digitalisierung von Bauprozessen zu übernehmen. Mit diesem Dokument bestätigt die Regierung den Bedarf an Standardisierung, was bei für die Zusammenarbeit bei BIM-Prozessen ein wichtiger Aspekt ist. Darüber hinaus wurde Ende 2018 der Plan „BIM 2022“ vorgestellt, der Bauunternehmen dazu anregen soll, BIM in ihre tägliche Arbeit zu integrieren.

Der Informationsaustausch und die Zusammenarbeit zwischen den zahlreichen Baupartnern wird oft durch einen extrem fragmentierten Prozess behindert. Dieser Mangel an Synergie behindert die Industrialisierung im Bauprozess, wodurch sich die Produktivitätssteigerung verlangsamt. In Frankreich wurde in einer Studie des Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschaftsstudien (INSEE) nachgewiesen, dass der Mehrwert je produktiver Arbeitsstunde im Bauwesen seit 1995 weniger stark angestiegen ist als in der verarbeitenden Industrie. Dies ist teilweise auf die begrenzten digitalen Kapazitäten der Bauunternehmen zurückzuführen.

Andere europäische Länder

Der Trend zur Digitalisierung gewinnt in ganz Europa an Schwung, vor allem in den Niederlanden und Dänemark. Belgien hat die Bedeutung der Digitalisierung erkannt, ist der Europäischen Investitionsbank (EIB) zufolge aber gegenüber anderen europäischen Ländern im Rückstand. Die EIB hat eine Untersuchung durchgeführt, in der festgestellt wurde, welche Länder in der EU gut auf die Bewältigung der Corona Pandemie vorbereitet sind. Im entsprechenden Bericht heißt es, dass die Krise ein Wendepunkt sein kann, der die Digitalisierung massiv vorantreibt. Der Bericht wendet einen Digitalisierungsindex an, um den Grad der Digitalisierung der Unternehmen zu bewerten und ihre Beurteilung der digitalen Infrastruktur und Investitionen zu messen. Die Akzeptanz digitaler Technologien schreitet in Europa im Vergleich zu den USA nur langsam voran. Die Vereinigten Staaten haben einen Vorsprung vor allen europäischen Ländern, die digitale Technologien anwenden, insbesondere im Bereich des Bauwesens. Während in den USA 60 % aller Unternehmen hochgradig digitalisiert sind, sind es in der EU nur etwa 40 %.

2 300x190 - Digitalisierung in Europa: So weit sind wir

Der EIB zufolge sind die Länder mit den besten Leistungen in ausgewählten Bereichen der Digitalisierung:

  • Die Niederlande – digital e Intensität und digitale Infrastruktur;
  • Tschechien – Investitionen in Software und Daten sowie in Verbesserungen der Organisation und Betriebsprozesse;
  • Finnland – formales strategisches Betriebs Monitoringsystem.

Schlusslichter sind Großbritannien, Italien, Polen und Irland.

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Geschrieben von

12Build

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